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Das romantische 19. Jahrhundert wurde in Deutschland im Unterschied zu allen
vorangegangenen Epochen, nicht mehr nur von geistlichen und adligen Potentaten,
sondern in immer stärkeren Maße auch von der politisch motivierten

Studentenbewegung geprägt.


Aus Jena, dem Zentrum dieser Strömung im beginnenden 19. Jahrhundert,
verbreitete sich neben revolutionärem Gedankengut studentisches Brauchtum
auf nahezu alle deutschen Hochschulen. Neben auffällig legerer Kleidung,
das studentische Leben betreffende Komments und Wortschöpfungen (z.B. Philister!)
zählte dazu ein besonderer Stock:

 

  Stöcke

 


Der Ziegenhainer


Der Ziegenhainer ist ein Stock der in mehreren Formen zu sehen ist.
Der Die Urform ist vermutlich ein dicker Knüppel der sich nach unten verjüngte

und von einem  dicken Knauf gekrönt war. 

                                                                                                                                             

Ähnliche Formen kennen wir bereits von Bildern aus  dem späten Mittelalter.
Sie dienten vielen Menschen, die sich damals auf eine häufig gefahrvolle Reise
machten, als Abschreckungsmittel und natürlich auch als Waffe gegen streunende
Hunde und finstere Gestalten am Wegesrand.


Trotz Inkrafttreten des Jenaer Duellmandats 1684, verloren in den Jahren 1700- 1750

mindestens 44  Studenten ihr Leben bei einer Stoßmensur. Die sich nur langsam                            

durchsetzenden Reglements beinhalteten u.a. das Auftreten von Sekundanten,  die, 
mit  Ziegenhainern ausgestattet, bei einem Regelverstoß den Stossdegen nach oben
ausschlugen. Mit der Mode Stöcke zu tragen, werden zur Jahrhundertwende die meisten
Jenaer Studenten einen Ziegenhainer besessen haben. Bei ihren Hochschulwechseln
machten sie diese in ganz Deutschland und über die Grenzen hinaus bekannt.
Zeitweilig errangen sie sogar die Bedeutung eines Statussymbols.

Eine besondere Form des Ziegenhainers ist der "gedrehte", welcher recht selten
anzutreffen ist. Er wurde nur zu "Paradezwecken" getragen, also zum Bummeln
und zu Kneipenbesuchen. Die Form entsteht durch eine Schlingpflanze, welche der
Ast zu überwuchern versucht. Im extremsten Fall entsteht ein Drehwuchs der an einen  

Korkenzieher erinnert.

Stoßmensur    

                                                             

 

Ziegenhain


Den Namen erhielt unser Stock von dem kleinen, wild- romantisch in einem
Seitental der Saale gelegenen Dörfchen Ziegenhain.

Ziegenhain ist heute in die Stadt Jena eingemeindet und befindet am Fuße des                                                 

Hausberges, unterhalb der ehemaligen ottonischen Königspfalz Kirchberg.
Es zählte zu den beliebtesten studentischen "Bierdörfern" und war häufig das
Ziel geselliger Ausfahrten und Austragungsort der an der Universität streng
verbotenen Duelle.


Durch die hohe Nachfrage nach den Stöcken bildete die Stockmacherei die Lebensgrundlage für
mehrere Ziegenhainer Familien. Besonders erfolgreich waren damit in der 1. Hälfte
des 19. Jahrhunderts die Brüder Kahle, einem über mehrere Jahrhunderte in
Ziegenhain ansässigen Geschlecht entstammend. Einen der letzten "originalen" Vertreter
dieser Familie, "Kahle- Horscht", lernte ich 1989 noch kennen.

 

 


Ziegenhain    

 

Das Holz

Im Allgemeinen wird als Material das Holz der Kornelkirsche, lat. Cornus mas, angegeben.
Es gilt als eines der härtesten Hölzer Mitteleuropas und hat sein Hauptverbreitungsgebiet
in Südosteuropa. Die Kornelkirsche findet auf den trocken und warmen Muschelkalkhängen
des Saaletales ideale Standortbedingungen.


Die Kornelkirsche, regional auch Herlitze, Dirlitze oder Derndl genannt, gehört zur Gattung der
Hartriegelgewächse. Sie war bereits den antiken Griechen und Römern gut bekannt, welche ihre
Früchte zur Ernährung und ihr Holz zur Herstellung von Lanzenschäften nutzten. Nach einer Sage
soll man in Rom  noch um die Zeitenwende eine uralte Kornelkirsche gezeigt haben, die aus einem
von Romulus in die Erde gerammten Speer entsprossen war.

Trotzdem muß vermutet werden das auch andere Holzarten Verwendung fanden, besonders bei der
"gedrehten" Form. Der nah verwandte und mit ähnlichen Eigenschaften ausgestattete Rote Hartriegel
bot sich da geradezu an. Er geht, im Unterschied zur Kornelkirsche, eher die Symbiose mit einer
Schlingpflanze ein, hat einen geraderen Wuchs und ist standorttoleranter, also auch häufiger.
Paul Parey`s großes Forstlexikon von 1904, ein Standardwerk, teilt meine Ansicht.

 

 

 

 

Ziegenhainer heute


Es werden heute von einigen wenigen Firmen Ziegenhainer Stöcke halbindustriell nachgefertigt.
Diese bestehen zumeist aus anderen Holzarten, z.B. Kastanie. Stöcke mit natürlicher Drehung sind                           

bei diesen Anbietern nicht erhältlich, vielmehr wird hin und wieder eine Nut eingefräst. Trotzdem
war diese Technik in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch in Ziegenhain bekannt, da
das Holz der Kornelkirsche so selten wurde, daß es sogar importiert wurde.

                                                                                                                                                                                                   

Die auf dieser Seite abgebildeten Stöcke habe ich selber angefertigt. Da das Holz aus Ziegenhain und

Umgebung stammt und ich die traditionelle Fertigung nachvollzogen habe,  kann man diese als
"100% original" bezeichnen
.

 

Detail

                                                                      

                                                                                      

                                                                                                                                                                                

 

Diese Seite wird regelmäßig überarbeitet, bitte schauen sie bald wieder vorbei!

 

Das Bild von dem Duell wurde mit freundlicher Genehmigung des Stadtmuseum Jena, "Göhre", veröffentlicht.

 

 

 

 

©  by Tom Fischer 2003                                                                                    Stand:02.07.2003